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Onion Addict

Die hohe Kunst der selektiven Wahrnehmung

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von am 17.06.10 um 13:12 (1477 Hits)
So, nachdem ich mir ein paar Tage den Kopf darüber zerbrochen habe, worüber ich auch mal einen Blog-Eintrag schreiben könnte und mir keine tolle Idee gekommen ist, nehme ich nun etwas völlig Uninteressantes *g*

Ich möchte euch von der hohen Kunst der selektiven Wahrnehmung erzählen.

Der moderne Mensch ist ja bekanntlich nicht mehr darauf ausgerichtet, ein Leben in der freien Natur zu führen. Unsere Sinne sind im Lauf der Jahrtausende verkümmert und wir sind zu den wohl überlebensschwachsten Kreaturen der Erde geworden. Unsere Kinder sind für viele Jahre absolut unfähig für sich selbst zu sorgen. Aber auch ausgewachsene Exemplare lassen den Menschen nicht viel besser da stehen. Wir haben kein Fell und frieren uns daher sehr schnell den Hintern ab. Deswegen sind wir auch dauernd krank. Wir riechen schlecht. Und wir schmecken auch nicht besonders gut. Was für ein Glück, dass Lebensmittel ein Verfallsdatum haben! Wir hören schlecht und das nicht erst seit wir unsere Ohren mit Kopfhörern zu Grunde richten. Wir würden den Feind nicht bemerken, auch wenn er nur um die Ecke auf uns lauert.
Und wir sehen natürlich auch ausgesprochen schlecht. Kein Wunder, dass die Menschheit so viele Mythen und Gruselgeschichten hervor gebracht hat. Wenn man im Halbdunkeln einen Busch nicht von einem monströsen Tier unterscheiden kann, kommen die fantastischsten Geschichten zu stande! Tja, eins muss man der Menschheit lassen. Sie weiß mit ihren Defiziten kreativ umzugehen.
Das Gute an dieser im Grunde doch sehr peinlichen Sache ist, dass wir unsere Sinne heute gar nicht mehr großartig brauchen. Denn dem Mensch wurde ein außergewöhnliches Gehirn gegeben. Wir haben gelernt Häuser zu bauen und Kleidung herzustellen, um unsere kränklichen Körper zu schützen. Wir haben Brillen und Hörgeräte erfunden, um unsere kümmerlichen Sinne nicht völlig verenden zu lassen. Und wer braucht scharfe Zähne oder mächtige Pranken, wenn es Gewähre und Atombomben gibt?
Der Mensch hat sich mit seinen Defiziten arrangiert und sie ausgeglichen.
Zumindest theoretisch.
Denn es gibt unter den Menschen auch jene, die es schaffen, ihre Sinne nicht mal für das niedrige Niveau der menschlichen Notwenigkeit zu benutzen.
So wie ich.
Ich gehörte lange Zeit zu den Brillenträgern. Aber das Problem mit meinem Sehvermögen ist ganz anderer Natur. Ich brauche heute keine Brille mehr. Offiziell sind meine Augen für das Leben als Mensch tauglich genug. Mein Problem rührt auch nicht von den Augen her, sondern kann wie alle menschlichen Absurditäten nur von der Psyche hervor gebracht worden sein. Ach ja, die menschliche Psyche.. das wohl größte Defizit unserer Spezies.
Ich beherrsche nämlich die große Kunst der selektiven Wahrnehmung. Ihr werdet nun sicher denken, dass sich jeder Mensch selektiver Wahrnehmung bedient, z.B. wenn man sich auf etwas konzentrieren muss. Ohne selektive Wahrnehmung ist der Alltag nicht zu bewältigen. Autismus ist ja die Unfähigkeit, äußere Reize zu filtern.
Die Kunst besteht jedoch darin, selektive Wahrnehmung zu solch einem hohen Grad zu beherrschen, dass man auch Dinge nicht wahrnimmt, die man eigentlich wahrnehmen möchte und sollte. Dies führt dazu, dass der Meister der selektiven Wahrnehmung seine Umwelt in den Wahnsinn treibt. Notizen, die Anweisungen für den Tag geben, werden nicht gesehen. Auch nicht, wenn sie unübersehbar platziert werden und man daher drei mal daran vorbei gelaufen ist. Dreck und Unordnung wird auch nicht bewusst nicht beseitigt, sondern einfach nicht gesehen. Es ist keine Faulheit. Man nehme also den Meister der selektiven Wahrnehmung an der Hand zu deute auf das, was zu tun ist und er wird es bereitwillig tun.
Man könnte ihm unterstellen, er drücke sich unbewusst vor alltäglichen Aufgaben. Doch auch auf der Arbeit, wo er bemüht ist, alles richtig zu machen, wiederholt sich das Schauspiel.
Am offensichtlichsten zeigt sich die perfekte selektive Wahrnehmung jedoch auf der Straße. Da der Meister gerne alle störenden Faktoren seiner Umwelt ausblendet, sieht er nicht einmal seine Freunde kommen. Diese laufen laut schreiend und wild mit den Armen wedelnd auf ihn zu, ohne gesehen zu werden. Steigt er in die Bahn, setzt er sich einem ihm bekannten Menschen direkt gegenüber ohne ihn wahrzunehmen. Sucht er einen bestimmten Ort, fragt er Passanten, obwohl er direkt davor steht.
Richtig gefährlich wird es schließlich, wenn der Meister der selektiven Wahrnehmung Auto fährt. Wozu er offiziell berechtigt ist, was doch sehr an der Prüfungsqualität der deutschen Fahrschulen zweifeln lässt. Wenn er beim rückwärts fahren beim Ausparken seine Freunde leicht anfährt, weil er diese im Rückspiegel nicht gesehen hat, obwohl er sich sicher war, dass da niemand stand, macht sich der Meister der selektiven Wahrnehmung ernsthaft Gedanken.
Die gute Seite dieser Kunstform ist das völlige Ausblenden unschöner Anblicke. Ein Spaziergang durch die Stadt ist sehr viel erfreulicher, wenn einem die Alkoholleichen am Straßenrand oder die Spritzen im Park nicht auffallen. Allerdings entgeht dem Meister auch vieles Schönes, das ebenfalls ausgeblendet wird, wenn es sich außerhalb des unmittelbaren Blickfeldes befindet.
Der Meister der selektiven Wahrnehmung ist eine gefährdete Existenz. Leicht kommt es zu Missverständnissen mit seiner Umwelt. Ständig läuft er Gefahr im Straßenverkehr umzukommen. Die Suche nach einem Lebenspartner gestaltet sich auch problematisch, wenn potentielle Kandidaten gar nicht wahrgenommen werden. Am ehesten lernt man sich noch bei einem selbst verursachten Autoumfall kennen.

Deshalb bitte ich meine Mitmenschen, ganz besonders auf den Meister der selektiven Wahrnehmung zu achten und ihn zu beschützen.
Wer möchte, kann sich mit mir zusammen auf die rote Liste der gefährdeten Menschengruppen setzen lassen.

Liebe Grüße,

Onion Addict
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Kommentare

  1. Avatar von Kloppo
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    langweilig:gähn:
  2. Avatar von Dr.Rock
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    ich muss zugeben im ersten Moment musste ich jetzt auch an Autismus denken da die zwar alles wahrnehmen jedoch nicht darauf reagieren von dieser "selektiven Wahrnehmung " hab ich noch nie gehört. Und mir stellt sich auch gleich die Frage wer oder was da im Kopf entschiedet was ausgeblendet wird ?

    Naja der Anfang war etwas Melodramatisch war jetzt nicht so unterhaltsam zu lesen wie schwach wir doch sind...

    PS: den Urlaub in Tokio stell ich mir Cool vor wenn es keine Reiz überflutung gibt weil man einfach alles ausblendet ^^
  3. Avatar von Onion Addict
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    Ich wollte einfach auch mal nen Blog-Eintrag verfassen. Ist offensichtlich nicht so mein Ding.

    Haha, in Japan hatte ich trotzdem ne totale Reizüberflutung Aber so schlimm ist es nicht. Auch die Menschenmassen stören mich nicht. Obwohl die Geräuschkulisse schon der Hammer ist. Beim Pachinko habe ich es keine Minute ausgehalten, weil es so dermaßen laut war.
  4. Avatar von Dr.Rock
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    ach was nicht dein Ding pff ich fand den Beitrag schon besser als die ganzen das Wetter ist doof oder wo Haare sein sollen Blog Posts. Allerdings hast du vermutlich nicht genug skurril interessante Störungen um noch mehr Beiträge zu schreiben ,)

    Wobei über den Japan Trip könntest du Bloggen da hättest du mich als Leser sicher.
  5. Avatar von Onion Addict
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    Hehe, ich hab schon eine an der Waffel, aber das ganze hält sich bisher zum Glück doch noch in Grenzen. Das müsste eher visuell eingefangen werden *g*

    Hmm...ja, über Japan könnte ich was schreiben. Muss ich mir mal Gedanken drüber machen!